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Was mit Schwere geschehen kann - wenn Worte zu tragen beginnen. Christoph Leistens neuer Gedichtband Der Dichter Christoph Leisten ist ein Wanderer im besten Sinne, einer, der offen ist für Eindrücke, für Unerwartetes, für Gelebtes. Sein aktueller Band "bis zur schwerelosigkeit" (Rimbaud Verlag, Aachen 2010) verdichtet die Erfahrungen der Sinne, des Emotionalen und die Begegnung mit Kultur und Kulturen zu einem Panorama, dessen Schwerelosigkeit transzendent im besten Sinne ist - getragen von einer leichten, sanften Sprache der kleinen Nuancen. "aus dem verblichenen monat / kommen diese verse zu dir, / wo die tage zuletzt verwischten // in einen zwischenzustand, / wie unlängst die jahreszeiten" - so beginnt das Gedicht "märz" in Christoph Leistens aktuellem Lyrikband "bis zur schwerelosigkeit". Diese fünf Verse stehen exemplarisch, könnten fast schon ein Motto sein für die Dichtung eines Autors, den Anton G. Leitner einmal einen "lyrischen Botschafter zwischen verschiedenen Kulturkreisen" nannte. Denn mit eben jener Leichtigkeit, mit der er in einen Monat einsteigt, den Leser direkt anspricht, ohne aufdringlich zu sein, vermittelt er auch eine Wanderung zwischen den Welten, einen Sinn für Offenheit. Regelmäßig reist Leisten nach Marokko, wo 2009 auch in arabischer Übersetzung sein faszinierender Prosaband "Marrakesch, Djemaa el Fna" erschien, und die Eindrücke, die er dort und auch in zahlreichen Ländern Europas gesammelt hat, finden sich in seinen neuen Gedichten wieder. Er ist ein Dichter, bei dem Text und Auftreten zueinander passen. Er spricht mit ruhiger Stimme. Wenn er seine Texte vorträgt oder von seinen Aufenthalten in Marokko berichtet, dann mischen sich Glück und Nachdenklichkeit mit einer bedächtigen Melancholie - was vielleicht genau die Stimmung ist, die es braucht, um die arabische Seele verstehen zu können. In einem Gedicht mit Eindrücken aus dem Ourika-Tal heißt es: "in dieser höhe / gehört dein vertrauen jemandem, stumm, // den du nicht kennst, ohne ihn wärest du / hier verloren. in die luft buchstabierst du // die einzigen wörter, die dir erinnerlich sind. / das echo allahs ruft uns zurück, // ein windhauch, der in dir verschwindet." "Inspektionen der Sinnlichkeit" nennt Christoph Leisten selbst seine Poeme, und das trifft es ziemlich gut, wenn auch es eine recht bescheidene Lokalisierung ist. Von einem "Unterwegssein in einer anderen Welt" spricht er, und meint damit vor allem das Hinausblicken über den eigenen Tellerrand, das ergebnisoffene Schauen nach dem Anderen - was nach Erich Fromm der beste Weg ist, um zu sich selbst zu finden. Derweil zitiert Leisten nicht Fromm, sondern Horkheimer und Adorno, was eine weitere interessante, streitbare und deshalb gute Perspektive auf das Gedicht "entzauberung" wirft, und zudem mutmaßen lässt, dass auch eine - vielleicht unbeabsichtigte - Auseinandersetzung mit Kant mitschwingt. Manch einen Leser mag dieser Exkurs erschrecken, er sei aber beruhigt: "bis zur schwerelosigkeit" schafft etwas, das nur sehr wenige Lyrikbände heutzutage schaffen: Er ist sehr tiefgehend, und man kann sich an seinen Anspielungen reiben, man kann sich mit ihnen auseinandersetzen, man kann sich überhaupt erst einmal auf die Suche nach ihnen begeben, um dann zu reflektieren. Aber auch der Leser, der weder Fromm noch Kant, noch die "Dialektik der Aufklärung", noch den Homer gelesen hat, wird sich in diesen Gedichten heimisch fühlen können. Denn Leisten reibt dem Rezipienten seine Intertextualität nicht so aufdringlich und pseudointellektuell unter die Nase, wie es heute so mancher Lyriker gerne tut, um in erster Linie von der Gehaltlosigkeit seiner Gedichte abzulenken. Nein, im Gegenteil, Christoph Leisten nimmt den Leser nicht nur bei der Hand, er nimmt ihn auch bei all seinen Sinnen, und er lässt ihn immer im richtigen Augenblick los, um ihn seine eigenen Schlüsse ziehen zu lassen, wie zum Beispiel hier: "aschewolken, blaupausen, unsichtbare / fesseln des himmels. leer bleibt die luft / in diesen tagen. schon scheinen die vögel // anders zu singen, aber wer wüsste dies // zu deuten. täglich sondersendungen, / simulatoren, krisenstäbe, im konjunktiv // parlierend, bis die ultimaten sich wieder / verschieben. dann erneut: homerisches gelächter. gehen wir zurück in die geschichte." Und auch hier, aus dem Zusammenhang gerissen, weil solche Verse auch ohne Kontext leuchten können: "müdigkeit, die liebe, sehnsucht / nach schiffchen aus papier, wo / alles tragende ansonsten versiegt." Gerrit Wustmann © www.cineastentreff.de Lecture au Dialogpunkt Deutsch avec Christoph Leisten - Online Artikel Le Dialogpunkt Deutsch organise une lecture (en allemand) avec l'auteur Christoph Leisten accompagné de Hans Werner Geerdts le vendredi 6 juillet 2007 à 19h00. Lecture au Dialogpunkt Deutsch avec Christoph Leisten Christoph Leisten, poète, essayiste, critique littéraire et professeur est né en 1960 à Geilenkirchen/Allemagne. Il a fait des études universitaires de la philologie allemande et de la philosophie à Bonn, il vit à Würselen près de Aachen (Aix-la-Chapelle). Depuis 1982, le poète a fait plus de 25 voyages au Maroc, plusieurs séjours à long terme à Marrakech et Essaouira. L'influence du Maroc sur son œuvre se manifeste dans le recueil de poésie « in diesem lichte » mais avant tout dans le recueil de prose « Marrakesch, Djemmaa el Fna » paru en 2005 – une approche littéraire à la culture et la vie de Marrakech. Le livre a reçu d'excellentes critiques des quotidiens «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) et «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ). Leisten publie depuis 1996 dans des journaux comme «Die Zeit», «Süddeutsche Zeitun » et «Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt» ainsi que dans des journaux culturels («die horen», «Faltblatt») et le portail internet www.quantara.de ; il est coéditeur du magazine culturel et littéraire « Zeichen und Wunder ». Il a été invité aux plusieurs festivals de poésie au Maroc. © Marrakechnews Aachener Zeitung vom 27.06.2007 - Online Artikel Lyrik von großer Bandbreite präsentiert Würselen. Am 2. Juli liest er auf dem Lousberg in Aachen, am 6. schon im Goethe-Institut von Marrakesch in Marokko. Allein diese Daten dokumentieren schon, wie sehr der in Würselen lebende Lyriker Christoph Leisten (47) im Grund ein Wanderer zwischen (mindestens) zwei Welten ist - zwischen seiner Heimat im Grenzland und der magischen Wirklichkeit Nordafrikas. Dabei können jetzt Leser auf besondere Weise nachvollziehen, wie Leisten - im Zivilberuf Lehrer am Gymnasium von Schleiden in der Eifel - seine Bewegungen zwischen den Kulturen und durch sie hindurch kunstreich in Wörter zu kleiden versteht: «der mond vergebens», ein im Aachener Rimbaud-Verlag erschienener, knapp 72 Seiten starkes, schlankes Taschenbuch bündelt Gedichte, die zwischen 1996 und 2006 in anderen Büchern, aber auch in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen erschienen sind. Kraft der Sprache Der Reiz des Büchleins besteht darin, dass es dem Leser Lyrik - also Sprache in gemessenen Verläufen - von einer großen Bandbreite darbietet. Es gibt Gedichte, die von einem vorfindbaren Ort («bethlehem», «judäische landschaft») aus in die lichten Gefilde der Poesie empor steigen. Es gibt Bilder, die Kraft der Sprache aus sich selber heraus entstehen und imaginäre Topographien im Irgendwo erkennen lassen: «stadtfragment 17». Und es gibt Texte, in denen es so persönlich zugeht, dass sich der Leser schon wundert, dass sie der Autor außerhalb eines recht intimen Rahmens - wie zum Beispiel dem einer Lesung - überhaupt preisgibt. Doch selbst im kleinsten Detail gibt es so viel Weite, dass selbst das Private des Gefühls hinter den Wörtern nicht eng wirkt. Doch das Was stellt halt nur eine Seite im Schaffen von Christoph Leisten, so wie es sich in diesem Bändchen präsentiert, dar. Wesentlich ist auch , wie der Autor Sprache gestaltet, bricht und ordnet. Ihren Rhythmus erhält Leistens Sprache indes vor allem durch die Art und Weise, wie sie streng gefügte Strukturen wie Zeilen oder Sätze durchbricht. Da kann es schon mal sein, dass ein Gedankengang oder Satz die weite Kluft vom Ende einer Strophe bis zum Beginn der nächsten kühn überspringt, die Form sprengt und sich dennoch neue Strukturen schafft. Freiheit und Strenge - beide Elemente sind in der Lyrik Christoph Leistens gleichermaßen prägend und präsent. Manches Mal finden sich sogar wie Aphorismen formulierte Perlen der Weisheit - so wie in dem kurzen Gedicht «sich gehen lassen»: «als/ich mich/gehen ließ,/ließest du/mich gehen./als/du dich/gehen ließest,/ließ ich/dich gehen./als/wir uns/gehen ließen,/kamen wir/zusammen.» Christoph Hahn © Aachener Zeitung Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. Dezember 2006 - Feuilleton - Auf dem Platz der Gehenkten Es ist, wie es ist: Christoph Leisten meditiert über Marrakesch Spätestens seit Elias Canettis "Stimmen von Marrakesch" zählt der Djemaa el Fna, der "Platz der Gehenkten" in Marrakesch, zu den Faszinationsorten der deutschen Literatur. Hubert Fichte hat ein ganzes Buch danach benannt, nun hat der Aachener Lyriker Christoph Leisten mit feingewebten Prosaminiaturen am Mythos dezent weitergeschrieben. Dem Ansatz nach steht Leisten dabei Fichte näher als Canetti, glücklicherweise ohne die zuweilen penetranten Fixierungen Fichtes. Sah dieser den Platz der Gehenkten vor allem als sexuellen Supermarkt, so macht sich Leisten die Beobachtungsgabe Fichtes zu eigen und rückt die Optik wieder zurecht. Der Djemaa el Fna ist mehr, um nicht zu sagen alles - die Welt in der Nußschale. Sinnbildlich dafür steht die irrwitzige Mischung aus Botschaften, die in allen Arten von Schriften und Sprachen auf dem Platz ausgesendet werden, etwa die T-Shirt-Aufdrucke: "University of New York, London, Madrid, Cottbus, Luder, Kölle Alaaf, Take me tonight (darüber ein Kopftuch tief ins Gesicht)." Eine Geschichte wird nicht erzählt. Der Beobachter und Erzähler nimmt ein Zimmer in der Altstadt von Marrakesch, verbringt jeden Tag längere Zeit auf dem Platz und versucht, von immer neuen sinnlichen Eindrücken ausgehend, deren Fülle in Worte zu bannen, die anregenden Widersprüchlichkeiten zu verarbeiten. Der Platz entpuppt sich dabei als Metapher für alles menschliche Wirken und Sein; zuviel, als daß man mit der Beschreibung je zu Rande käme. Die schöne Schwierigkeit, das Durcheinander der Menschen aus aller Herren Ländern, das Treiben der Gaukler, Händler und Garköche ein für allemal literarisch gültig zu benennen, spiegelt sich im Namen des Platzes selber wider. Leitmotivisch zieht sich durch die achtundachtzig Prosastücke der Versuch, den Namen richtig zu deuten. Die gängige Übersetzung als "Platz der Gehenkten" wird der Aussagefülle des arabischen "Djemaa el Fna" nicht im geringsten gerecht. Hier ist Leisten aufmerksamer als Canetti und Fichte, die die Übersetzung und den damit verbundenen Mythos, daß hier einst die Köpfe der Hingerichteten ausgestellt wurden, nicht weiter hinterfragen. "Fna", hocharabisch "Fana'", bedeutet "Auslöschung", "Vernichtung", "Nichts" und wird auch in der Mystik benutzt. "Al-Fna sei das, was niemals enden kann", weiß Leisten zu berichten und fragt, was dies sein könne: "Der Tod, das Paradies, die Kreise, Gott?" Oder ist es "das Erzählen", jedenfalls auf diesem Platz mit seinen Geschichtenerzählern? Auch Leisten, so scheint es, könnte immer so weitererzählen, frei nach seinem auch sonst empfehlenswerten Motto "Die Dinge nehmen, wie sie sind. Sich das Erstaunen bewahren über das Befremdliche, das Befremden über das Erstaunliche." Dieses kleine, sich leicht in jede Reisetasche schmiegende Buch sei jedem Marrakesch-Reisenden als große Schule der Wahrnehmung ans Herz gelegt. Stefan Weidner © Frankfurter Allgemeine Zeitung Neue Zürcher Zeitung vom 19. August 2006 - Feuilleton - Im Namen der Minze Tourismus ist eine Todsünde und kann, wenn überhaupt, nur gebüsst werden durch Aufmerksamkeit, Warten, Demut. Christoph Leisten hat ein Gegengift für die scheinbaren Versuchungen der Exotik geschrieben, wirksam nicht nur am Top-Tourismusziel Marrakesch, sondern auf unseren schlampigen, unsinnigen Reisen überhaupt. In 88 Prosaminiaturen nähert sich der Lyriker dem weltberühmten Platz Djemaa el Fna, wo das alte Nordafrika auf das moderne Dorf der Welt trifft. In einer paradoxen Bewegung der Annäherung, die das andere zugleich erfahren und doch wahren möchte, wird der Platz zur Metapher einer unendlichen Passage vom Eigenen zum Fremden. Immer wieder setzt Leisten an und hält die Sekundensensationen für Auge, Ohr, Nase, Haut fest. Es ist ein geduldiges Abarbeiten an den Nuancen der Fülle dieses aufgeladenen Alltags, in das sich manchmal auch Hohelied-Poesie mischen kann: "Deine Haut ist in dieser Stadt wie Samt, ich atme sie ein und rieche etwas wie den Joghurt aus jener Patisserie, deren Name ich nicht verrate." Warum reisen, warum lesen wir, wenn nicht für Augenblicke wie diesen. Das Reisen ist auch ein Recherchieren nach Geschichte und Schrift, flüchtig wie auf ausgeblassten Markisen, nach scheinbar sicheren Namen. Djemaa el Fna etwa heisst nicht, wie es die Reiseführer wissen, "Platz der Gehenkten", sondern "Gemeinschaft" oder auch "Moschee der Ent-Werdung". So mag nur der Pilger an diesem Ort ankommen, um ihn zu überschreiten, zu übersetzen, zu erzählen in einer Hingabe, "wie die Tropfen, die im Meer aufgehen". Oder, um es mit Leisten zu sagen: "Es würde genügen, ein Glas Minztee beschrieben zu haben." Angelika Overath © Neue Zürcher Zeitung Der Dreischneuß. Zeitschrift für Literatur. Nr. 18, August 2006 Verlaufsform Rot Über den Prosaband "Marrakesch, Djemaa el Fna" von Christoph Leisten. In über achtzig Prosaminiaturen führt uns Christoph Leisten durch die schönste aller roten Städte: Marrakesch. Und natürlich auf den Platz Djemaa el Fna, von dem nicht nur die träumen, die ihn nicht kennen."In Wirklichkeit", schreibt Leisten "ist die Stadt ein Rot-bezirk. Die Gebäude, auch hier auf dem Platz: Hauptfarbe Rot, Hautfarbe Rot. Die Mauern, die Farben brechen im Licht der Sonne. Rot Rötlich Rosa in allen Schattierungen von Ocker- Terrakotta- Blass- Braun- Pastell- und Leuchtendrot: Farben, die in ihrer Unterschiedlichkeit aufeinandertreffen, sich berühren und verbinden wie die Menschen in der Halqa." Schon in seinem Gedichtband "in diesem licht" (ebenfalls bei Rimbaud erschienen) schrieb Christoph Leisten von dem eigenen Zauber dieser Stadt, die ihm seit Jahren vertraut ist. Eine Fülle von subtilen Beobachtungen und ausdrucksstarken Anmerkungen erwarten den Leser, denn Leisten zeigt neue Bilder dieser Stadt. Er ertastete sie wie ein Blinder und erkundete mit allen Sinnen die Souks, die Cafés und den berühmten Platz der Händler, der Akrobaten, der Bettler, der Musiker, der Schlangen-beschwörer, trifft Wahrsager, Heiler und Geschichtenerzähler, so daß auch der Leser in den Sog dieser Stadt gezogen wird. "Erinnerung an das Mahl" - von diesem Prosastück werde ich mitgerissen, erlebe die Erotik des Fingeressens: "die Bewegungen deiner Hand zwischen Tongefäß und Mundhöhle, während derer Daumen, Zeige- und Mittelfinger mehr und mehr in einer Feuchte versinken, verschmelzen, ineinandergleiten, eins werden beinahe mit der Speise …, deren Aroma sie atmen, weiter, tiefer hinein in das gemeinsame Mahl, bis ein feuchter Glanz die Glieder mehr und mehr einnimmt, sie überschwemmt ... und Hände sich berühren in der Schale, in einer willkürlichen Bewegung, der vieles, aber nicht Verbotenes zukommt." Die Wahrnehmungen Leistens in Marrakesch auf dem Platz der Gaukler sind in einer Sprache von eigentümlicher Schönheit, die sowohl von seiner Sprachmacht als auch von seiner Liebe zum Detail zeugen. Regine Mönkemeier © Der Dreischneuß Süddeutsche Zeitung Freitag, 4. November 2005 LITERATUR Nachrichten von der Poesie Sicherheitsschleusen SICHERHEITSSCHLEUSEN, davon war nicht die rede in den reiseführern: fast eine wiederholung der ankunft. die berührung der metalldetektoren: eine postmoderne art des handauflegens. dabei sind die colonaden eigentlich immer schon begrenzungsstreifen, erdkreis- zeichen, tauben auf den köpfen der heiligen. wenn es denn hilft. eine schale für das kleinzeug: handys und münzen, elstern gibt es hier nicht. du sprachst vergleichsweise vom einchecken, und: von der nächsten auflage. dann ist alles anders. jetzt aber geben die leeren seiten präzise auskunft über die wasser der stadt. CHRISTOPH LEISTEN Nach einem Studium der Germanistik und der Philosophie unterrichtet der 1960 geborene Christoph Leisten an einem Gymnasium in Aachen, befasst sich in verschiedenen Projekten mit der Literatur Nordafrikas und schreibt Gedichte. Nach seinem Erstling "entfernte Nähe" (2001) fand sein zweiter Gedichtband "in diesem licht" (Rimbaud-Verlag, 2003) weite Beachtung. Zu diesem klaren und doch vieldeutig offenen Gedicht über das Reisen und Ankommen passt sein poetologisches Statement: "Das Gedicht ist ein Unterwegssein, das um sein Ziel nicht weiß. Du bist in der Sprache, wie in einem vertrauten Raum, und wirst zugleich gewahr, dass du an dem Ort, an den du gerade gelangst, noch nie gewesen bist." Joachim Sartorius © Süddeutsche Zeitung die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, Nr. 216, 4. Quartal 2004 Sprache im Ausnahmezustand Über den neuen Lyrikband von Christoph Leisten Die Gedichte von Christoph Leisten enthalten keine strengen Koordinaten oder apodiktischen Kategorien, sondern die frei flottierende Sprache und die Abwesenheit von Banalität und unlyrischer Wortwahl machen ihre Qualität aus, denn die Sprache seiner Gedichte ist Sprache im Ausnahmezustand. Diese Prämisse scheint er sich zur Leitlinie gemacht zu haben. Die Texte in seinem Band " in diesem licht " sind aus eigenen, charakteristischen Impulsen entstanden. Der Autor formuliert seine subtile Vorstellung von Welt und beschreibt sie in einer metaphernreichen Sprache. Der Leser wird durch vieldeutige, aber überraschende Wortwendungen herausgefordert, auf die Probe gestellt und verleitet, durch eigene Assoziationen Interpretationen zu finden. Seine Gedichte sind vielfach tiefgründig angelegte Verdichtungen, die Landschaften, Städte (Bethlehem, Marrakesch etc.) und Natur beschreiben. Die Palette reicht über mitteleuropäische Impressionen über den Mittelmeerraum bis nach Marokko. Ob es nun die lyrische Umsetzung des Landschaftskunstwerks von Dany Karavan zu Ehren Walter Benjamins in Port Bou ist (" korridor ") oder ein Gedicht " aus dem garten ", immer gelingt es Leisten, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu entdecken, um einen eigenen Stil der Darstellung zu finden wie z.B. in " zirruswolke ", wo er durch genaue Beobachtung des Himmels und der Wolken zarte Bilder beschreibt, die ein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden implizieren. Wie differenziert er ein Gedicht sieht, nämlich als ein aus einem Wort gewachsenes paradoxes Gebilde, das aus Widersprüchen seine Dialektik gewinnt und nach " ursprung und exil " zugleich sucht, schildert er so: " ein gedicht // beginnt mit einem wort, / das nicht mitspielt. hurenkind, // allein auf seiner seite, // auf der suche nach anderen / wörtern. leicht und schwer wird ein gedicht / aus einem wort, das weiter gedacht // werden will, ein erwachsenes / gedicht, auf der suche nach ursprung / und exil, / vielleicht auf seiner seite. " Der Mode, ungewöhnliche Zeilensprünge willkürlich einzubauen, das Enjambement zu einem Absturz ins Mißverständnis zu verfremden und damit Undeutlichkeiten zu provozieren, ist er zum Glück nicht oft gefolgt. Der Lyrikkenner wird seine metaphorische Sprache zu schätzen wissen: z.B." WAS SIND WIR. wolken- / sammler in den lichtpausen / der zeit. " (S.22); oder " DER SOMMER: ein verwirrtes tier, / das nachts in unsere träume bellt. " (S.34) Die Hermetik seiner Sprache in einigen Gedichten wie z. B. " haut ist die haut " wird in anderen Texten wie " strandgang " durch Offenheit wieder ausgeglichen. Interessante Versuche mit Vokabeln arabischen Ursprungs im Gedicht " herkunft " zeigen linguistische Experimentierfreudigkeit des Autors, der den mediterranen Raum und den Maghreb gut kennt. Der Gedichtband zeigt dem Leser ein neues Talent in der deutschsprachigen Lyriklandschaft, das wohltuend hervorragt aus dem meist mittelmäßigen Aufgebot und Angebot von Gegenwartslyrikern. Denn das ästhetische Prinzip wird konsequent beachtet. Es gibt bei Leisten kein Ausweichen in die Alltagssprache oder ins Argot, was von einigen Lyrikexperten immer wieder als modernes non plus ultra proklamiert wird. Der klassische Anspruch, den reine Poesie fordert, wird von Leisten in hohem Maße erfüllt. Der Rimbaud Verlag hat gut daran getan, diesen Lyriker in sein Programm aufzunehmen. Dieter P. Meier-Lenz © die horen Neue Zürcher Zeitung vom 3. Juli 2004 Feuilleton In den Lichtpausen der Zeit "Rauschgold" zum Beispiel, was für ein schönes Wort: "rauschgold, peripetie, kipp- / figur." Wenn man "rauschgold" gegen den Strich des Gewohnten liest, schlägt das Wort um zwischen einer Farbe, einem Schwindelgefühl und etwas, das man unspezifisch hören kann: Rauschen. Wasser rauscht oder ein schlecht eingestellter Radiosender. Auch die Stille kann rauschen allein in unserem Kopf oder die Erinnerung in einer Muschel: "lege ein ohr in die kindheit / zurück, lauschen der muschel // der meere, in deren rauschen / die laute alltäglicher natur // enthoben sind: martinshörner, / sirenen", so sagen es Zeilen in "strandgang". In seinem neuen Gedichtband macht sich Christoph Leisten auf die Suche nach angespülten Wörtern, die in seiner Hand ausschlagen können, wenn sie auf den Aderlauf ins poetisch Mehrdeutige treffen. Es geht um ein Abtasten der alltäglichen Topographien nach neuer Intensität. Leisten ist unterwegs in der Eifel, im Portbou Walter Benjamins an der französisch-spanischen Grenze, im portugiesischen Evora, in einem maghrebinischen Händlerviertel. Dabei laufen die erfahrenen Landschaften in sein Sprachland über, und seine Wortfelder kommen zurück zu Flur, Stein und Staub: "eingeschrieben // den seiten der stadt, bist du hurenkind / und schusterjunge, staub einer atlas- / bindung, der von den postkarten fällt." Leistens Schreibbewegung geht von einzelnen Wörtern und von eindringlichen optischen Erscheinungen aus. Das Licht dieser Texte sind die Reflexe von Spiegelungen, ein hell-dunkles Zwielicht auch, das seismographisch Verwandlungen anzeigt. Der Ton ist existenziell; bescheiden stellt der Autor noch einmal die grossen, alten Fragen, woher wir kommen, wohin wir gehen, wir "wolken- / sammler in den lichtpausen // der zeit". Angelika Overath © Neue Zürcher Zeitung |
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